UN-Klimakonferenz COP27: Die fossile Party ist noch nicht vorbei

Starten wir einmal mit der guten Nachricht: Die diesjährige UN-Klimakonferenz COP27 endete mit der Einigung, einen Fonds für Schäden und Verluste durch den Klimawandel einzurichten. Einzahlen sollen die Industrieländer, also diejenigen, die am meisten zur menschengemachten Erderwärmung beigetragen haben. Ohne Zweifel ist das ein historischer Schritt, so fordern ärmere Länder, die schon jetzt unter klimabedingten Schäden zu leiden haben, dieses Bekenntnis bereits seit Jahren. Im Grunde war es das dann aber auch mit den positiven Ergebnissen der wochenlangen Verhandlungen unter der ägyptischen Sonne.

Bundeskanzler Olaf Scholz sorgte mit seiner Warnung vor einer „Renaissance fossiler Energien“ in in Scharm El-Scheich für Aufsehen. Doch trägt er nicht gerade dazu bei, genau diese zu vermeiden: Nur wenige Monate zuvor hatte Scholz mit COP-Gastgeberland Ägypten eine sogenannte Energiepartnerschaft auf den Weg gebracht. Das nordafrikanische Land soll klimaschädliches Flüssiggas (LNG) nach Deutschland als Ersatz für ausbleibendes russisches Pipeline-Gas liefern. Ende Mai hatte der Bundeskanzler dem Senegal bei der Ausbeutung eines neues Gasfeldes Kooperation angeboten. Damit würde Deutschland sein vor einem Jahr auf der Klimakonferenz in Glasgow gegebenes Versprechen, keine neuen fossilen Projekte mehr im Ausland zu finanzieren, brechen.

Die auch als „Afrika-COP“ bekannte Weltklimakonferenz geriet unter diesen Vorzeichen zur Messe für Öl, Gas und Kohle. Eine Auswertung der Teilnehmerliste durch die Nichtregierungsorganisationen Corporate Accountability, Corporate Europe Observatory (CEO) und Global Witness (GW) „enttarnte“ rund 630 Lobbyisten für fossile Brennstoffe, die sich unter den Politiker*innen und Mitgliedern der Zivilgesellschaft tummelten. Diese Gruppe war sogar größer als jede einzelne Delegation aus den afrikanischen Ländern. Dabei gilt Afrika als der durch den Klimawandel verletzlichste Kontinent. Die meisten Lobbyisten für fossile Energien reisten in der Delegation der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) an. Das Land besitzt die siebtgrößten Ölvorkommen der Welt und ist Gastgeber der nächsten Klimakonferenz COP28.

Wie neue Daten der Global Oil & Gas Exit List (GOGEL) der Umwelt und Menschenrechtsorganisation urgewald zeigen, hat das staatliche Ölunternehmen der VAE, die Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC), viel vor in den nächsten Jahren: 7,6 Milliarden Barrel Öläquivalent an neuen Reserven will ADNOC erschließen. Weltweit ist das Platz fünf. Mehr wollen nur noch Staatsunternehmen aus Saudi Arabien, Katar, Russland (zweitmeiste Fossil-Lobbyisten auf der COP27) und Brasilien erschließen.

GOGEL ist eine öffentlich zugängliche Datenbank. Sie listet 901 Öl- und Gasunternehmen, die für 95% der weltweiten Produktion verantwortlich sind. Sie zeichnet ein erschreckendes Bild einer Industrie, die bereit ist, einen lebenswerten Planeten für kurzfristigen Profit zu opfern. Laut GOGEL haben 96% der Öl und/oder Gas fördernden Firmen derzeit Pläne, ihre Förderung auszubauen bzw. neue Ressourcen zu erschließen. 512 Unternehmen wollen innerhalb der nächsten ein bis sieben Jahre 230 Milliarden Barrel Öläquivalent an bislang unerschlossenen Reserven in Produktion bringen. Förderung und Verbrennung dieser Ressourcen wird etwa 115 Gigatonnen CO2-Äquivalente in die Atmosphäre freisetzen. Das ist dreißigmal so viel wie die jährlichen Treibhausgasemissionen der EU. Im Einklang mit dem 1,5°C-Limit ist das nicht.

Auf Daten der GOGEL basiert der auf der Klimakonferenz vorgestellte Report „Who is financing fossil fuel expansion in Africa?“. Er legt offen: Der afrikanische Kontinent ist längst in den Fokus internationaler Öl- und Gasmultis gerückt. 200 Unternehmen überschwemmen Afrika derzeit mit schmutzigen Energieprojekten. In 48 von insgesamt 55 afrikanischen Ländern verfolgen sie Projekte zum Ausbau fossiler Energien. Seit 2017 wurden in Afrika 886.000 km2 für neue Öl- und Gasexplorationen genehmigt – eine Fläche größer als Frankreich und Italien zusammen. Die Gesamtausgaben der Firmen für Öl- und Gasexploration in Afrika sind von 3,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 auf 5,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 gestiegen. Auf afrikanische Unternehmen entfällt jedoch weniger als ein Drittel dieser Summe für 2022.

Ansturm auf Afrikas fossile Ressourcen: Fast auf dem gesamten Kontinent suchen Konzerne nach Öl und Gas. Während in Scharm el Scheich verhandelt wurde, waren allein in Ägypten 55 Unternehmen damit beschäftigt, nach neuen Öl- und Gasfeldern zu suchen. Unter den TOP 3 Unternehmen, die in Afrika neue Öl- und Gasreserven anzapfen wollen, ist der französische Konzern TotalEnergies (Platz 1) und die italienische Eni (Platz 3). Zudem: Fast 90% der neuen LNG-Infrastruktur wird für den Export gebaut, hauptsächlich nach Europa und Asien. Angefeuert wird dieser Ansturm auf die fossilen Reserven Afrikas also durch die Abhängigkeit des globalen Nordens von Öl, Gas und Kohle. Die afrikanische Zivilgesellschaft spricht von Neokolonialismus, Afrika soll zur „Tankstelle“ der reichen Industrieländer degradiert werden. Es verwundert angesichts dieser Voraussetzungen also nicht, dass es eine Einigung auf den globalen Ausstieg auch aus Öl und Gas nicht in die Abschlusserklärung der 27. UN-Klimakonferenz geschafft hat. Viele sprechen von einem verlorenen Jahr für den Klimaschutz. Und die Aussichten für eine Klimakonferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten 2023 stimmen pessimistisch. Sollten wir auf ein Wunder hoffen? Fest steht: Wer aufgibt, hat schon verloren. Darum kämpfen wir weiter für dieses Wunder. Weiterführende Informationen:
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