Der Waldmacher

Farmer Managed Natural Regeneration (FMNR)

Thomas Herra ist ein drahtiger Mann mit einem Gesicht, in dem sich Jahre der Strapazen und Entbehrungen wieder spiegeln. Seine Kleidung ist löchrig, seine Sandalen abgelaufen. Doch Thomas Herra sagt von sich selbst: Ich bin ein Glückspilz!

Der 48jährige äthiopische Kleinbauer hat trotz einer anhaltenden Dürre einen Überschuss an Mais, Bohnen und Erdnüssen erwirtschaftet. Diesen teil der Ernte werden er und seine Frau Ayana auf lokalen Märkten verkaufen und mit dem Geld die Schulgebühren für ihre Kinder bezahlen.

„Das alles habe ich dem verrückten weißen Farmer zu verdanken“, sagt Thomas und schüttelt Tony Rinaudo die Hand. Der 66jährige australische Agrarökonom und Mitarbeiter von World Vision hatte Thomas und vielen seiner kleinbäuerlichen Nachbarn vor einigen Jahren gezeigt, wie sie mit Bäumen für bessere Ernten sorgen können. FMNR heißt seine Methode, Farmer Managed Natural Regeneration. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass unter den gerodeten Flächen für Felder und Äcker noch immer lebendige Wurzeln lagern. Diese treiben regelmäßig aus, aber ihre Sprösslinge werden von Ziegen gefressen oder von Pflügen zerstört.
Schützt man aber diese Triebe, beschneidet und formt sie, dann entstehen neue Bäume. Warum ist das nützlich? Tony Rinaudo: „Die Bäume sorgen für ein günstiges Mikroklima, halten Wasser in der Erde, beschatten den Boden. Zudem düngen sie die Felder mit ihren Früchten und Blättern. Die Qualität der Böden verbessert sich dramatisch!“

Zunächst aber waren die Bauern skeptisch, hatte man ihnen doch jahrzehntelang erklärt, dass die Felder möglichst „clean“, sauber von Baumresten und Büschen sein sollten, um die Erntemengen zu erhöhen. „Aber wir hatten jedes Jahr schlechtere Ernten. Der Boden war ausgelaugt, unsere Kinder hungerten“, sagt Thomas Herra.

Die Bauer ließen sich auf das Experiment FMNR ein, setzten erfolgreich um, was Tony ihnen riet. Und mit den Erfolgen kamen auch die Anfragen aus Nachbarregionen. So verbreitete sich die Methode über ganz Ostafrika, nachdem sie schon seit Jahren im westlichen Afrika erfolgreich umgesetzt worden war. Zum Beispiel in Niger, wo Tony Rinaudo die Methode entwickelte. Mittlerweile wird sie in 26 Ländern umgesetzt, Millionen Hektar Land sind mit FMNR wiederbegrünt worden.
Innerhalb weniger Jahre erreichen diese heimischen Baumarten eine ausreichende Größe, wenn sie nach der FMNR-Methode herangezogen werden. Lässt man sie auf den Feldern stehen, verbessern sich auch die Ernteerträge dramatisch: Thomas Herra erzählt, dass er jetzt jedes Jahr zwei bis dreimal so viel ernten kann.

Tony Rinaudo: „Es geht aber nicht nur um bessere Ernten. Bäume fördern auch die Biodiversität, die Ausbreitung von Insekten, Vögeln und anderen Tieren. Wasserquellen kehren zurück. Das sichert die Existenz vieler Kleinbauern nachhaltig.“

In Kenia zum Beispiel setzen Frauen aus dem Volk der Samburu auf die Kombination von FMNR und Imkerei. Die Bäume sorgen dafür, dass sich mehr Pflanzenarten ansiedeln, die als Weide für Bienen dienen. Honigerträge von mehreren hundert Kilo pro Jahr sind möglich. Ein zusätzliches Einkommen, dass auch die Rolle der Frauen in ihrer Gemeinschaft verändert, ihr Selbstbewusstsein und ihre Vorbildfunktion für ihre Töchter stärkt.

Es hat lange gedauert, bis die FMNR-Methode sich weltweit durchsetzen konnte und es gibt noch reichliche Einsatzmöglichkeiten in vielen Ländern der Welt. Von der Wirkung der Wiederbegrünungsmethode zeigte sich 2018 schließlich auch die Rightlivelihood-Foundation überzeugt, die Tony Rinaudo mit dem auch als alternativen Nobelpreis bekannten Award der Stiftung auszeichnete.

Auch der Filmemacher und Oscar-Gewinner Volker Schlöndorff ist auf die Methode und ihren Entwickler Tony Rinaudo aufmerksam geworden. Er widmete seinen allerersten Dokumentarfilm „Der Waldmacher“ dem Lebenswerk von Tony Rinaudo. Der Film lief in zahlreichen Kinos in Europa und wird derzeit in den Mediatheken von ARTE und BR gezeigt.

Darin erzählt Tony Rinaudo auch die Geschichte, wie er auf die FMNR-Methode stieß: „Ich war wieder einmal mit Baumsetzlingen im Niger unterwegs und ich war wieder einmal verzweifelt. Würden auch diese Setzlinge eingehen, wie so viele Millionen andere zuvor? Dann musste ich Luft aus den Reifen lassen, um eine Sandbank zu überqueren. Ich kniete mich nieder und sah in der Ferne einen niedrigen Busch. Ich sah ihn mir an und erkannte: Das ist kein Busch. Das ist ein Baum! Man muss nur ihn nur schützen und wachsen lassen. Und endlich wusste ich, wie es gehen kann.“

Diese Geschichte kennt auch Thomas Herra. Und er hört sie immer wieder gern, denn: „Wäre Tony nicht so hartnäckig gewesen, hätte es FMNR wohl nie gegeben. Und gäbe es FMNR nicht, wären wir arm und vor allem: ohne Hoffnung.“

Mittlerweile wird FMNR in World Vision Projekten in ca. 30 Ländern integriert und hilft Familien und Kinder ihren Lebensunterhalt und ihren Lebensraum wiederherzustellen und zu erhalten.

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